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"Es wird nicht mehr wie es davor war"   Heft 4/2006
Transnational Concerns:
Facetten der Globalisierung
Seite 138
Einschätzungen von Prüflingen des Ersten Juristischen Staatsexamens  
 

Es gibt einen ausdifferenzierten Markt an Lehrbüchern, Repetitoriumsskripten und Schemata für die Vorbereitung auf die erste juristische Staatsprüfung. Anleitungen zur Bewältigung der fachlichen Inhalte sind in Hülle und Fülle vorhanden. Sucht man hingegen nach Informationen was einen in psychischer Hinsicht im Ersten Staatsexamen erwartet, dann kann man lange suchen und ist im Zweifel auf die Horror-Stories oder Schönfärbereien derer angewiesen, die das Examen schon bestanden haben.
Publikationen über Ausmaß und Methoden zum Umgang mit der psychischen Belastung der ersten juristischen Staatsprüfung sind Mangelware. Insofern leistet das Buch "Examiniertes Examen: Das erste Juristische Staatsexamen, Interviews mit Prüflingen durch einen Prüfer und andere Texte", herausgegeben von Nell Bickel, Dirk Fabricius, et al einen wichtigen Beitrag, indem es die psychischen Anforderungen und Auswirkungen der Prüfung beschreibt. In 16 Interviews, die Dirk Fabricius, Professor für Strafrecht, Kriminologie und Rechtspsychologie an der Uni Frankfurt, geführt hat, kommen betroffene Prüflinge zu Wort und schildern ihre Erfahrungen mit dem Staatsexamen. Diese Erfahrungsberichte gewähren zukünftigen Examenskandidatinnen und -kandidaten sowie deren Umfeld einen realistischen Einblick in die Black Box Erstes Juristisches Staatsexamen.

Emotionaler Ausnahmezustand

Es wird eine Bandbreite von Emotionen sichtbar gemacht, die durch das Examen hervorgerufen werden. Deutlich wird dabei vor allem eines: Das Examen ist mehr als eine bloße Abschlussprüfung. Es ist ein existenzielles Erlebnis, eine Extremsituation. Sie wird von den meisten KandidatInnen als krisenhaft erlebt. Es entstehen Gefühle von Ausgeliefertsein und Unmündigkeit. Selbstvertrauen und Selbstsicherheit schwinden bei Vielen. Selbst nach bestandener Prüfung kommt häufig keine Freude auf, sondern nur eine große Leere. Ursächlich dafür ist den Interviews zufolge eine Reihe an Faktoren. Beispielsweise wird die Menge des Prüfungsstoffs als zu hoch empfunden. Die Prüflinge fühlen sich kaum motiviert. Die Beurteilungskriterien sind vielen unklar. Die Anonymität wird als Unsicherheitsfaktor genannt sowie die langen Wartezeiten zwischen Prüfungen und Notenbekanntgabe. Auch der Charakter der Prüfung wird kritisiert, die zwar als Leistungsprüfung deklariert wird, von einigen aber als Persönlichkeits- und Gehorsamstests erlebt wird, durch die Autonomie, Freiheit und Kontrolle über die Situation unterminiert werden.
Das Buch ist ein mutiges Zeugnis der Interviewten, weil sie das Schweigen, das häufig über persönliche Schwächen gebreitet wird, brechen und in aller Deutlichkeit über ihre Nöte und Ängste Auskunft geben. Dies ist mit Sicherheit für den einen oder die andere tröstlich, weil die Schilderungen deutlich machen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine da steht. Die Interviews helfen, die im Zusammenhang mit dem Examen auftretenden Probleme als strukturelle Mängel des Prüfungssystems zu entlarven anstatt sie dem/der Einzelnen als individuelles Versagen zuzuschreiben. Gleichwohl hätte der Aspekt der strukturell angsterzeugenden Prüfungsbedingungen und ihrer Funktion von den HerausgeberInnen im Schlusswort noch stärker betont werden können. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die umfassende Sozialisations- und Abrichtungsfunktion der Prüfung deutlich als solche benannt worden wären, anstatt nur vorsichtig davon zu sprechen, dass das Examen nicht auf die Funktion als reiner Leistungstest beschränkt zu sein scheint. Viele Aussagen in den Interviews stützen diese These nämlich.

Wie umgehen mit der Extremsituation Examen?

Neben Fragen nach den psychischen Reaktionen auf das Examen wurden die Interviewten auch nach ihren Bewältigungsstrategien gefragt. Dabei wird deutlich, dass es kein Patent-Rezept für das erfolgreiche Bestehen des Examens gibt. In Entsprechung zu den Schwierigkeiten, die sich individuell verschieden äußern, gibt es ebenso viele verschiedene Wege der Bewältigung.
Im Anschluss an die Interviews fassen die BuchautorInnen kurz die Tipps zusammen, die die befragten Personen gegeben haben. Diese Tipps sind unterteilt in fachlich-juristische Empfehlungen und solche zur Bewältigung der psychischen Belastung. Positiv an dieser Einteilung ist, dass aus der Unterteilung an sich bereits hervorgeht, dass die psychische Vorbereitung ein wichtiger Faktor für die Bewältigung des Examens ist und das erfolgreiche Bestehen des Examens eben nicht nur von der fachlich-juristische Qualifikation abhängt. Gleichwohl wäre es wünschenswert gewesen, wenn die AutorInnen an dieser Stelle die Tipps ergänzt hätten, um die konkrete Empfehlung bei erheblichen Angstreaktionen die Inanspruchnahme professioneller Hilfe nicht zu scheuen, denn erhebliche psychosomatische Störungen wie beispielsweise Depressionen sind am besten bei Ärztinnen oder Therapeuten aufgehoben.
Das Buch schließt mit dem Appell - der vorbehaltlos unterstützt werden kann - dass jene LeserInnen, die selbst als PrüferInnen tätig sind oder Einfluss auf die Prüfungsbedingungen haben, alles in ihrer Macht stehende bewegen sollten, um die Prüfung humaner zu gestalten.

Lena Dammann arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Hamburg.

Nell Bickel / Dirk Fabricius / Jana Lippman / Mark Pawlytta / Jörg Preuß / Lais Schindzielorz (Hrsg.), Examiniertes Examen: Das erste Juristische Staatsexamen, Interviews mit Prüflingen durch einen Prüfer und andere Texte", Frankfurt a.M. 2004, 252 Seiten, 14,70 €