Heft 4 / 2001:
grenzenlos beschränkt
MigrantInnenpolitik in BRD und Europa
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Genua während des G8-Treffens - Ein Erlebnisbericht
Dokumentation
 

Begonnen hat alles mit einer 12-stündigen Autofahrt am Sonntag vor dem G8-Treffen. Die Anreise war wesentlich unproblematischer, als ich im Vorfeld aufgrund von Presseberichten vermutet hatte. Kontrolliert wurden wir nur bei der Einreise in die Schweiz. An der italienischen Grenze gab es bloß Gesichtskontrollen.

In Genua angekommen, war während der gesamten Woche ein Klima der Anspannung spürbar. Dieser Eindruck entstand schon allein durch die Masse an Polizei. Verstärkt wurde er durch die Errichtung und Bewachung des 5-Meterzauns, der die Rote Zone schützen sollte. Die Polizei nahmen die Bewachung zum Anlass, gelegentlich Passkontrollen vorzunehmen. Leider ließ sie es nicht dabei bewenden. Auf verschiedenen vorbereitenden Plena wurde immer wieder von Durchsuchungen von Schlafplätzen berichtet. Auch in dem Park meiner Übernachtung ereignete sich ein Zwischenfall. Wir reagierten mit der Postierung von Wachen vor den Eingängen, welche dafür sorgen sollten, rechtzeitig Alarm zu geben, falls die Polizei anrückt. Zum Polizeiverhalten kamen die Bombendrohungen, die wiederum die Polizei einschreiten ließen. Merkwürdigerweise waren von den Bombendrohungen fast ausschließlich von DemonstrantInnen benutzte Objekte betroffen.

Am Donnerstag ging es dann endlich auf die Strasse. Der Marsch der Flüchtlinge sollte ein Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung setzten. Da sich an der Demonstration auch "Illegale" beteiligten, wurde von allen Seiten vereinbart jegliche Provokation der Polizei zu unterlassen. Entsprechen friedlich war die Stimmung.

Der Global-Action-Day

Der Freitag begann für mich mit Warten. Im Vorfeld war abgesprochen worden, erst mittags in Richtung rote Zone zu ziehen. Allgemeines Ziel war es, irgendwie in die rote Zone einzudringen, sei es symbolisch in Form von Luftballons oder tatsächlich. Während sich meine Gruppe in der Nähe der roten Zone einem der großen Demonstrationszüge anschloss, kam es bereits zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Steine und Molotowcocktails flogen und Tränengas wurde massiv eingesetzt. Schnell war der große Demonstrationszug versprengt. Ich selbst musste mir erst mal die Augen vom Gas auswaschen, welches besonders aggressiv war. Ich sah einige DemonstrantInnen sich übergeben. Überall waren kleine Gruppen oder Einzelpersonen zugange, die Scheiben von Banken und Supermärkten zertrümmerten sowie Autos ansteckten. Weit weg von der roten Zone war von der Polizei nichts zu sehen. Als wir uns woanders wieder der Zone näherten, wurde seitens der Polizei sofort Tränengas eingesetzt. Zu diesem Zeitpunkt gingen die ersten Gerüchte rum, dass es einen oder mehrere Tote gegeben habe. Auf dem Rückweg zum Schlafplatz sah ich auch die erste Bank brennen, die im Erdgeschoss eine Wohnhauses untergebracht war. Was für ein Wahnsinn! Andere DemonstrantInnen sahen das wohl ähnlich. Sie klingelten dort, um die BewohnerInnen auf die Gefahr hinzuweisen. Auf dem weiteren Weg bestiegen wir eine der vielen Anhöhen. An mehreren Stellen waren Rauchsäulen zu sehen, die aus einem Tränengasteppich herausragten, der wie eine Art Nebel über der Innenstadt lag. Darüber kreisten zwei Hubschrauber, deren Lärm mich schon den ganzen Tag begleitet hatte. Ein flaues Gefühl macht sich in der Magengegend bemerkbar, war ich doch eben noch da unten gewesen. Dieses Gefühl wurde noch stärker als ich im Indymediacenter die ersten Bilder vom Tod von Carlo Giuliani sah. Wut und Fassungslosigkeit machten sich breit. Außerdem die Angst, dass jetzt alles möglich schien.

Der Samstag und das Nachspiel

Die große Abschlussdemo sollte nicht mehr versuchen in die rote Zone zu gelangen. Ein breiter Menschenstrom begleitet von Assassini1-Rufen zog die Uferpromenade entlang und sollte am Convergencenter (CC) nach Norden abbiegen. Als ich dort ankam, tobte an der Biegung bereits der Straßenkampf. Der direkte Konflikt spielte sich ab, wie am Tag zuvor, dahinter aber zog der Demozug vorbei, in dem sich auch alte Menschen und Kinder befanden. Im Zuge der Auseinandersetzungen wurde der Demozug gespalten. Ich befand mich mit einigen FreundInnen im vorderen Teil. Als abzusehen war, dass mensch aufgrund der Menschenmassen den Endpunkt der Demonstration nicht erreichen konnte, machten wir uns wie viele tausend andere auf den Rückweg.

Unterwegs passierten etwa 50 Meter von uns entfernt einige Polizeifahrzeugen eine Kreuzung und wurden durch DemonstrantInnen als Mörder beschimpft. Als wir ein paar Minuten später an die Kreuzung kamen und dort kurz verweilten, schoss völlig überraschend aus einer Seitenstrasse ein Einsatzwagen heraus und die Polizisten zielten mit den Tränengasgeschossen auf Kopfhöhe aus den Fahrzeugen. Unsere Gruppe wurde getrennt. Ich rannte mit ein paar anderen eine breite Strasse hoch. Ein anderer Teil eilte in eine enge Gasse. Ich konnte aus dem Augenwinkeln nur noch erkennen, dass das Polizeiauto mit erheblicher Geschwindigkeit in diese Gasse fuhr. Mittlerweile nur noch zu dritt gingen wir zum Indymediacenter, in der Hoffung dort die anderen zu treffen. Alle bis auf Klaus2 trudelten auch dort ein. Er war noch bei der Gruppe an der Kreuzung dabei gewesen. Als er auch auf dem Gruppentreffen um 21 Uhr auch nicht auftauschte, stand fest, dass er verhaftet worden war. Alle waren durch die Gesamtsituation ziemlich fertig. Auch das CC macht nicht mehr den sichersten Eindruck. Einige entschlossen sich zum Bahnhof zu gehen. Andere wollten noch mal zum Indymediacenter gehen, um dort etwas über den Verbleib von Klaus zu erfahren. Wieder andere, zu denen ich auch gehörte, entschlossen sich mit Bus zu einem der Parks in einem der Vorstädte zu fahren. Von dort sollte am nächsten Mittag mein Bus in die BRD fahren. Im Park so gegen 0:45 Uhr angekommen, erfuhren wir, dass in der Schule gegenüber des Indymediacenters eine Razzia durch die Polizei gegeben hat, bei der es mehrere Schwerverletzte gab. Gleichzeitig kamen Gerüchte auf, dass auch weitere Schlafplätze geräumt werden sollten. Schon kreiste eine Helikopter mit Suchscheinwerfern über unseren Köpfen. Spontan entschlossen wir uns zu viert einen Bus bis zur Enthaltestelle zu nehmen. Alle waren ziemlich angespannt. Auf der Busfahrt entschieden wir, uns einfach in irgendeinen Hinterhof zum Schlafen zu legen. Am Nachmittag des nächsten Tages fuhr mein Bus. Die Rückreise verlief ohne Zwischenfälle. Klaus kam bereits vier Tage später wieder aus dem Gefängnis.

Marcus Lippe lebt und studiert in Berlin

Anmerkungen:

1 Mörder auf italienisch
2 Name wurde vom Autor geändert